Laudatio anlässlich der Ausstellung 'Idyll' in der Emil Nolde Stiftung, Depandance Berlin

Jörg Gabrecht


„Es sieht nach keinem beschaulich-einfachen Abend aus, diese Vernissage heute hier am Gendarmenmarkt: Fummelnde Affen und viel nacktes Fleisch – und all das auf Augenhöhe. Wegsehen könnte man, einfach die Augen schließen – ganz so wie die schöne Nackte im Bild, aber dazu hängt dieses nicht zu übersehende Großformat einfach zu prominent an der Stirnwand des Foyers. Cornelia Renz zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihrem „Idyll“.
Aber wohin schauen – zuerst auf die fummelnde Affen oder zuerst auf das nackte Fleisch?
Konzentriert man sich  - den Akt ignorierend – auf die Affenbande, wird man wohl als verklemmter Zoologe abgestempelt, der sich zwischen Tiergarten und Naturkundemuseum verlaufen hat und mit seinem unterentwickelten Primatenhirn die reichen kunsthistorischen Anspielungen des liegenden Frauenaktes sowieso nicht goutieren kann, diese subtil-raffinierten Verweise auf Tizinas dösende „Venus von Urbino“, auf Goyas reizende „Nackte Maya“ oder auf Ingres feingliedrige „Odalisque“. Ignoriert man hingegen die Primatengruppe und fokussiert den Blick auf die entblößte Schlummernde, sieht man sich schnell mit dem Vorwurf platter Lüsternheit konfrontiert, wird wahrscheinlich als hormonell übersteuerter Wilder hingestellt, der – mal wieder typisch Mann – nur Augen für die nackten Tatsachen des Werkes hat. Ob Affe oder Frau, einen einfachen Weg in dieses spannende Bild hinein eröffnet uns die Künstlerin nicht. Aber bevor wir jetzt bedrängt von fummelnden Primaten und nackter Haut den Blick abwenden und uns fremdschämend imaginäre Flusen von der Kleidung zupfen oder kritisch den Politurgrad unserer Schuhe beäugen, schauen wird doch einfach einmal ungezwungen den bildlichen Tatsachen ins Auge.
 
Munter purzelt, pinkelt, puhlt und pendelt der Affennachwuchs in ungerührter Sittenlosigkeit durch die Bildwelt und äfft in animalischer Narrenfreiheit verschiedenste Phasen sexueller Entwicklung nach, die Siegmund Freud vor gut 105 Jahren definierte. Solch ein Treiben könnte man durchaus wohlwollend betrachten, wenn es denn – durch dickes Glas von unserer zivilisierten Alltagswelt abgeschirmt – im Affenhaus eines zoologischen Gartens stattfände. Cornelia Renz aber hebt diese räumlich und moralisch saubere Trennung zwischen tierischer und bürgerlicher Welt auf: Inmitten pelziger Lotteraffen lagert äußerst appetitlich eine nackte Frau mit entzückenden Schleifchenballerinas und delikaten, Spitzen-geschmückten Nylons. Unmittelbar kollidiert die Urwelt der Affen voll animalischem Instinkt und rohem Trieb mit der Privatsphäre der raffiniert verführerischen Dame – in der sich übrigens auch ein Selbstporträt der Künstlerin verbirgt.
 
Nackte Frauen mit Tieren bildlich zu paaren ist ein beliebtes Motiv in der Kunstgeschichte, konnte man doch mit ihrer Hilfe animalische Gelüste und sexuelle Hemmungslosigkeit „salonfähig“ verbildlichen: So setzte Edouard Manet seiner porzellanweißnackten, auf dem Bett lagernden Kurtisane „Olympia“ eine schwarze Katze zu Füßen. Lovis Corinth ließ ebenfalls eine Katze als symbolträchtiges Raubtier en miniature den Vordergrund seiner fleischigen Haremsszene beherrschen – wie man in seiner Radierung in der Ausstellung im Obergeschoß sehen kann.
 
Bei Cornelia Renz sind Affen bildbestimmend, von denen zwei mit Masken herumtollen: Aus dem Spielzeugladen für Erwachsene stammt der kopfüber baumelnde Plastikpuppenkopf, dessen Mund Vergnügen versprechen soll aber mit erregungsloser Kiefernsperre eigentlich nur gähnende Langeweile suggeriert. Angriffslustig lodert hingegen die feuerrote Maske mit weißer Kriegsbemalung, wie sie die mexikanischen Freistil-Ringer, die Luchadores, tragen, um im Nahkampf den Mitringer auf die Matte zu pressen. Verdeutlichen Masken und Affen die erotischen Phantasien des Betrachters in Bezug auf die schlafende Schönheit? Oder sind Affen und Masken Sinnbild für die geheimen Gelüste und verborgenen Wesenszüge der Schlummernden? Wer spielt in diesem Idyll eigentlich welche Rolle?

 

Weiten wir den Blick und betrachten den gesamten Bildraum genauer: links im Bildmittelgrund steht ein Häuschen, das aus einem Comic geschnitten zu sein scheint. Den Hintergrund bilden Versatzstücke von Feldern, Hecken und Wolken, die sich und Bäume surreal überlappen. Cornelia Renz setzt den Bildraum aus Einzelteilen zusammen und erinnert somit an didaktische Schaukästen und Dioramen aus Naturkundemuseen, jene künstlichen Landschaften, die mit Modellfiguren und plastischen Landschaftselementen die Illusion von Lebenswelten oder sozialen Milieus geben. Die Künstlerin spielt mit dieser Wirklichkeitsnähe und entlarvt mit den offenen Brüchen in der Darstellung die anfängliche eindeutig geglaubte Bildaussage und betont die Vielschichtigkeit und Künstlichkeit  gesellschaftlicher Rollenverteilungen und Typisierungen wie „die Frau ist ein urnaturnahes, triebhaftes Wesen“ oder „die Lust ist immer animalisch und primitiv.“

 

Cornelia Renz animiert uns mit ihrem provokanten Werk, neue Blickwinkel zu finden, in dem sie uns aus unserem Idyll, unserer unkritischen Behaglichkeit, vertreibt und uns herausfordert, festgefahrene Ansichten zu Moral, zum eigenen Selbstverständnis, zu geschlechtsspezifischer Rollenverteilung, zu erotischen Gelüsten und klischeehaften Vorbehalten gegen eben diese Gelüste zu hinterfragen. Herrscht hier der Blick und die Phantasie des männlichen Betrachters über die wehrlose Nackte oder schüchtert deren durch Affen symbolisierte animalische Triebfähigkeit nicht vielmehr den Betrachter ein? Wer hier wen dominiert, läßt die Künstlerin offen. Cornelia Renz steht mit diesem „Idyll“ in direkter Verbindung zu den in der aktuellen Nolde-Ausstellung aufgeworfenen Themen wie „Die Frage der Herrschaft“ oder den „Gesichtern der Ekstase“.

Muß die Lust eigentlich immer ein Entweder/ Oder sein: entweder ein unterentwickeltes, wildes Affenhaus oder ein in künstlerischer Delikatesse erstarrte Nacktstudie? Darf sie nicht, muß sie nicht beides sein? Für Emil Nolde ergaben sich aus starken Widersprüchen immer die spannendsten Situationen: „Natur- und Kulturmensch zugleich“, wollte der große Expressionist sein, „göttlich und ein Tier, ein Kind und ein Riese, naiv sein und raffiniert … sprühendes Leben und schweigende Ruhe.“
 
Auf den ersten Blick wirkte das „Idyll“ von Cornelia Renz anstößig – geschmacklich anstößig. Bei längerem Betrachten wird aus dem „geschmacklich anstößig“ ein „gedanklich anstößig“ – oder besser: ein gedanklich anstoßendes Werk. Cornelia Renz „Idyll“ erregt die Gemüter, regt auf und regt an – zum Nachdenken, Überdenken und Weiterdenken. „Kunst“, sagte die großartige Bildhauerin Louise Bourgeoise einmal, „Kunst ist dazu da, uns geistig gesund und wach zu halten. Wir sind hier nicht zum Vergnügen."
 
Ich danke Ihnen.

 

Dr. Jörg Garbrecht, Kurator der Dependance Berlin, 2010

 

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© Cornelia Renz